Andacht vom Palmsonntag (Pfrin. Anika Sergel-Kohls)

Hosianna-Lied

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Seien Sie herzlich gegrüßt zum Sonntag Palmarum, zum Tor in die Karwoche.
Wenn Jesus heute in die Stadt käme - keiner stünde Schulter an Schulter, kein lautes Jubeln. Ein paar Leute mit Mundschutz und zwei Armlängen Abstand säumten die Straße.
 

Bringen wir unser Leben vor Gott mit den Stimmen derer, die gezwungenermaßen daheim sind. Und mit unserer eigenen:

Jugendlicher:
Weißt Du, wie ich mich gerade fühle? Ich bin 15 und eingesperrt. Ich will meine Freunde sehen und Spaß haben. Aber ich soll online lernen. Ich habe so dermaßen keine Lust mehr darauf!
Herr, erbarme dich. 
 
Mann:
Weißt Du, wie ich mich gerade fühle? Meine Firma ist wegen Corona zu, und ich weiß nicht, wie lange. Meine Frau macht Home-Office und muss sich konzentrieren; mir fällt die Decke auf den Kopf. Wohnzimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer, das ist zu wenig für uns drei. – Eigentlich sollten wir renovieren. Am meisten das Zimmer vom Jungen, aber das macht der sicher nicht mit. Der ist so schon unausstehlich.
Herr, erbarme dich. 
 
Frau:
Weißt Du, wie ich mich gerade fühle? Meine Firma hat auf Home-Office umgestellt, und ich habe zwei Männer daheim, die nicht zu haben sind. Und eigentlich denke ich noch an einen dritten: meinen Vater. Mit Müh und Not haben wir ihn nach seinem Sturz im Seniorenheim untergebracht. Bei uns hätten wir ihn ja nicht aufnehmen können. Und jetzt sitzt er im Heim, – und wir haben Besuchsverbot.
Herr, erbarme dich. 
 
Herr, höre auch uns,
die wir in Quarantäne sind und deren Pläne auf Eis liegen,
die wir Sorgen um den Lebensunterhalt haben und nicht wissen, wie es weitergeht,
die wir eng aufeinandersitzen und zugleich an die denken,
um die wir uns kümmern möchten und nicht kümmern können.
 
Das viele, um das ich weiß und das mich sorgt
und das, was mich heute bewegt, lege ich Dir, Gott ans Herz:
Herr, erbarme dich. Christus, erbarme dich. Herr, erbarme dich.

 

Liebe Gemeinde,

mit dem Palmsonntag beginnt die Karwoche. Als Jesus nach Jerusalem kommt, wird er von vielen Menschen freudig empfangen. Doch sein öffentliches Reden und sein wütendes Auftreten im Tempel alarmiert schnell die jüdischen Wortführer. Sie beschließen im Geheimen, Jesus „mit List“ zu ergreifen und töten zu lassen. Und Judas bietet seine Hilfe an.

An dieser Stelle schildert uns der Evangelist Markus eine Szene, zu der wir Jesus in ein Haus in Bethanien folgen. Dort geschieht folgendes:

"Und als Jesus in Bethanien war, im Haus Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl. Sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt. Einige wurden unwillig und sprachen untereinander: Was soll die Vergeudung? Man hätte dieses Öl für mehr als 300 Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren die Frau an. Jesus aber sprach: Lasst sie in Frieden. Was betrübt Ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn Ihr habt allezeit Arme bei Euch. Und wenn Ihr wollt, könnt Ihr ihnen Gutes tun. Mich aber habt Ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte. Sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat." (Markus 14,3-9)

Blicken wir uns um in der Szene.

Der Gastgeber und Hausbesitzer hat einen besonderen Namen: es ist Simon, der Aussätzige. Schon dieser Name erzählt eine ganze Geschichte! Krank ist er sicher nicht mehr als Jesus und die Jünger seine Gäste sind. Aber dass er einmal als Unreiner gelebt hat, einer stinkenden entstellenden Krankheit ausgeliefert, die auch sein Tod hätte sein können, das haftet ihm an. Das wird nacherzählt, sobald jemand sagen will, um welchen Simon genau es sich handelt. Na der, der den Aussatz hatte! Wenn er selbst daran zurückdenkt: es gab Zeiten, in denen er sich das nie hätte träumen lassen, dass er wieder gesund wäre; dass Menschen bei ihm zu Gast sein mögen und er Gastgeber würde sein können. Schweres hat er überstanden. Jetzt ist er gesund. Er kocht koscher und hat Gäste, die gerne mit ihm essen. Und ein neuer Duft erfüllt plötzlich den Raum.

Über die namenlose Frau mit dem Öl ist ja viel spekuliert worden. Wahrscheinlich vom Moment an, als dem Ersten der Anwesenden aufging, um welchen Schatz es sich da handelt. Wer sie sind, ob Jünger, ob Feinde, das wissen wir nicht genau. Sie werden unbestimmt „Männer“ genannt. Ein Sturm der Entrüstung will über die Frau losbrechen, angeheizt durch die Verachtung der Männer - denn woher soll eine Frau schon so einen Reichtum haben?! Hätte sie doch das Geld dafür uns gegeben. Wir hätten es den Armen in der Stadt verteilt! – Aha, das könnten sie also. Mit fremden Geld wohltätig sein. Zachäus hatte, als er zu Tisch war mit Jesus, bessere Ideen.

Und Jesus? Er hat die Salbung still geschehen lassen. Dann ergreift er schützend Partei für die Frau. „Lasst sie in Frieden!“ Er will nicht, dass sie traurig wird durch die Vorwürfe, durch die Wut der Männer. Und er deutet ihre Tat: Sie salbt mich zu meinem Tod. Jetzt, wo es möglich ist. – Und es stimmt ja: als Maria später ans Grab kam, um Jesu Leichnam zu salben, da war er schon auferstanden. Aber das konnte ja keiner wissen im Hause Simons, des Aussätzigen, der wieder gesund gewordenen war. Wir wissen immer nur um die Gegenwart und die Vergangenheit.

Deshalb lassen Sie uns schauen auf die Handgriffe der Frau. Sie handelt jetzt aus Liebe. Und was wir aus Liebe tun, das hat großen Wert. Manchmal bekommt es auch in der Rückschau noch eine andere Bedeutung. Wenn es das letzte Mal war. Selbst, wenn es für einen eigentlich fremden Menschen war. Aus Liebe handeln, weil wir uns nicht allezeit haben. Das bringt Frieden. Amen

Da wohnt ein Sehnen tief in uns (Liederbuch "Kommt atmet auf" Nr. 074)

Gebet 

Gütiger Gott! Du hast uns das Leben eingehaucht. An jedem Frühlingsmorgen genießen wir die Frische der Natur. Nun aber spüren wir, wie verletzlich wir sind. 
Du Schöpfer der Welt, gib uns einen langen Atem.
 
Gütiger Gott! Du hast uns in unser Leben gestellt mit seinen Beziehungen, die uns Quelle der Freude sind, auch Aufgabe, manchmal eine Last. Wir leiden jetzt unter der Spannung zwischen Zuviel und Zuwenig. Wir brauchen so viel Liebe, Sanftmut und Geduld. 
Du Schöpfer der Welt, gib uns einen langen Atem.
 
Gütiger Gott! Du hast uns Würde, Geist und Klugheit verliehen. Mit jeder Entscheidung übernehmen wir Verantwortung. Nun aber spüren wir, dass sich vieles gegen uns kehrt. 
Du Schöpfer der Welt, gib uns einen langen Atem.
 
Gütiger Gott! Du hast uns Jesus als Lebensbegleiter mitgegeben. Im Glück und im Wohlstand waren wir uns seiner sicher. Nun aber hoffen wir, dass uns seine Leidenskraft stark macht. 
Du Schöpfer der Welt, gib uns einen langen Atem.
 
Gütiger Gott! Du stehst für Hoffnung und ewige Treue. Doch Unheilspropheten zitieren für ihre Sicht die biblischen Plagen. Lass uns in Jesu Auferweckung erkennen, dass Du das Leben willst. 
Du Schöpfer der Welt, gib uns einen langen Atem.
 
Gütiger Gott! Dein Sohn Jesus hat Kranke geheilt und Trostlose mutig gemacht. Wenn wir zu zaghaft reden und zu knapp helfen, dann verstärke Du das durch dein großes „Ja“! 
Du Schöpfer der Welt, gib uns einen langen Atem. Amen

Vater unser...

 

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und Gottes Geleit in der kommenden Zeit.

Der Herr segne und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen.