Andacht vom 22. März (Pfr. Friedrich Woltereck)

J.S.Bach: Vater unser im Himmelreich (Orgel: Andrea Wehrmann) 

Eine ungewöhnliche Situation bringt ungewöhnliche Lösungsansätze mit sich. Nachdem aufgrund des Corona-Virus keine öffentlichen Gottesdienste mehr stattfinden sollen, veröffentlichen wir die Predigt für den Sonntag hier auf der Homepage.

Wir beginnen mit dem Sonntag „Lätare“, auf deutsch „Freue dich!“ Der Predigttext aus dem Buch des Propheten Jesaja ist voll von dieser Freude. Freude über die Errettung, über die Erlösung für Jerusalem und damit, pars pro toto, für Israel. 

In schweren Zeiten ist es gut, an Gottes Hilfe zu denken, sicher. Nur manchmal frage ich mich, ob das nicht etwas zu schnell geht, so nach dem Motto: da ist ein Problem - hier ist die Lösung.

Aber auf diese Weise überspringen wir etwas Entscheidendes. Eine Begebenheit im Krankenhaus: Ich werde zu einer Aussegnung gerufen. Die Angehörigen empfangen mich mit den Worten: „Er hat nicht lange leiden müssen. Jetzt ist er bei Gott.“ Dann kommt die Frage: „Sollte ich mich jetzt nicht freuen, dass mein Ehemann, mein Vater, mein Opa bei Gott ist, im Himmel? Und trotzdem bin ich sehr traurig. Bin ich denn kleingläubig, wenn ich mich nicht über seinen Tod freue?“

Wir können die Zeit der Trauer nicht überspringen. Die heutige Psychologie geht sogar einen Schritt weiter: Wir dürfen die Zeit der Trauer nicht überspringen. Wir müssen durch diese Zeit hindurchgehen - keine leichte Aufgabe. Daher spricht man heutzutage auch häufig von Trauerarbeit.

Trauerarbeit braucht es bei Menschen, die von uns gegangen sind, und die uns wichtig waren. Wobei „von uns gegangen“ nicht nur bedeuten muss, dass ein Mensch gestorben ist, vielleicht ist eine Beziehung in die Brüche gegangen oder ein Kind ist in die weite Welt gezogen und hat schon eine lange Zeit (gefühlt) nicht mehr von sich hören lassen. Ein Lebensabschnitt ist unwiederbringlich dahin.

Trauer hat mit Verlusterfahrung zu tun. Ein Mensch ist mir nicht mehr so nah wie früher, einem Haustier geht es schlecht, ich bin nicht beachtet worden, mein Leben oder das Leben eines geliebten Menschen findet unter großen Einschränkungen statt.

Die Corona-Pandemie bringt mit sich, dass mit einem Mal unser Leben eingeschränkt ist. Vielleicht kommt das einem geradezu lächerlich vor. Schließlich war die letzten Tage so warmes Wetter, dass man schon wieder an den Sommer denken konnte und Sommer und Frühlingskrankheiten passen nicht zusammen!

Und doch, von allen Seiten her erfahren wir von Infiziertenzahlen, von Menschen, die an Corona sterben. Vielleicht sind auch einige Menschen in Ihrer Nachbarschaft erkrankt oder Sie leiden an diesem heimtückischen Virus.

Mit einem Mal darf man Anderen nicht zu nahe kommen. Zwei Meter Abstand, das ist eine ganze Menge! Was hätte man alles aus diesen herrlichen Tagen machen können? Irgendwie ist es ja dann doch verständlich, wenn einige ausbrechen und für kurze Zeit so leben, als wäre kein Corona. Aber das rächt sich!

Wenn man beruflich nicht mit Medizin, Logistik oder Lebensmitteln zu tun hat, verändert sich das Leben fundamental. Fast sehnt man sich die Hektik und Betriebsamkeit der Vor-Corona-Zeit zurück. Nun verläuft das Leben langsamer, vieles kann man nicht tun, was doch eigentlich so wichtig ist! Und wird man eines Tages wieder so leben können wie früher? Wann ist die Corona-Pandemie überwunden?

Diese innere Ungeduld hat etwas mit Trauer zu tun. Trauer ist nicht nur ein Gefühl der Niedergeschlagenheit, verbunden mit vielen Tränen. Trauer kann manchmal sehr aktiv sein, Elemente der Vergangenheit archivieren oder vernichten, wütend verlangen, dass alles so zu sein hat wie früher, verreisen oder sich in die Arbeit stürzen. Nicht selten gilt: Hauptsache, man kommt nicht zum Nachdenken.

Übrigens: In unserem Predigttext geht es auch um Trauer. „Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid“, heißt es gleich am Anfang. Die Stadt Jerusalem - hier gleichbedeutend mit dem Volk Israel - hat Schlimmes erlebt. Der Tempel ist zerstört, kein Stein steht mehr auf dem anderen. Das Volk ist in die Verbannung nach Babylonien verschickt worden. Für Jerusalem ist alles zu Ende, so scheint es.

Jetzt beginnt Neues. Gott fängt auf eine ganz neue Weise an. Mit bildkräftigen Worten motiviert Jesaja im Auftrag Gottes die Israeliten, aus Babylonien zurückzukehren und Jerusalem wieder aufzubauen. Gott lässt ein neues Zeitalter beginnen. „Gott schenkt eine neue Zukunft, packt mit an!“, das ist die Botschaft Jesajas in jener Zeit.

Ich frage mich, ob dieser Predigttext nicht vielleicht doch sehr gut in unsere Zeit passt. Allerdings stehen wir noch etwas vor dieser Zeit des Neubeginns. Zunächst ist es gut, sich bewusst zu werden, was diese Corona-Pandemie bei uns anrichtet. Hingucken tut weh, sicher. Hingucken ist aber auch sehr, sehr hilfreich:

-   Was kann ich jetzt nicht mehr tun? Was vermisse ich? Wo bin ich vielleicht ganz froh darüber, dass ich das zurzeit nicht tun kann?

-   Komme ich mit mir selber zurecht? Was macht mich aus? Was würde ich am allerliebsten verdecken oder vergessen an meiner Persönlichkeit?

-   Wie stelle ich mir ein gelungenes Leben vor?

Hingucken tut weh. Für die Israeliten damals bedeutete das, Jerusalem aufgeben und in Babylonien siedeln, das Land entwässern, Häuser und Städte bauen. Hätten sie nicht Jerusalem Adieu gesagt in ihren Gedanken, sie hätten in Babylonien nicht überlebt. Sie haben ihr Leben neu gestaltet, wahrscheinlich aber auch ganz neu glauben gelernt an den Gott, der sich nicht an Traditionen kettet, sondern völlig neue Lebenswege eröffnet und begleitet.

Eine Strophe aus einem christlichen Lied beschäftigt mich: „Wer nie getrauert hat, weiß nicht, was Freude ist.“ Da ist unglaublich viel Wahres dran!

Es grüßt Sie

Ihr Pfarrer Friedrich Woltereck

Böhm: Vater unser im Himmelreich (Orgel: Andrea Wehrmann)