Andacht zum Gründonnerstag (Pfr. Friedrich Woltereck)

Dupre: Korn das in die Erde, Evangelisches Gesangbuch Nr. 98 (Andrea Wehrmann, Orgel)

Bibeltext aus dem zweiten Buch Mose im 12. Kapitel

1 Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland:
2 Dieser Monat soll bei euch der erste Monat sein, und von ihm an sollt ihr die Monate des Jahres zählen.
3 Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tage dieses Monats nehme jeder Hausvater ein Lamm, je ein Lamm für ein Haus.
4 Wenn aber in einem Hause für ein Lamm zu wenige sind, so nehme er's mit seinem Nachbarn, der seinem Hause am nächsten wohnt, bis es so viele sind, dass sie das Lamm aufessen können.
6 und sollt es verwahren bis zum vierzehnten Tag des Monats. Da soll es die ganze Versammlung der Gemeinde Israel schlachten gegen Abend.
7 Und sie sollen von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür und den Türsturz damit bestreichen an den Häusern, in denen sie's essen,
8 und sollen das Fleisch essen in derselben Nacht, am Feuer gebraten, und ungesäuertes Brot dazu und sollen es mit bitteren Kräutern essen.
10 Und ihr sollt nichts davon übrig lassen bis zum Morgen; wenn aber etwas übrig bleibt bis zum Morgen, sollt ihr's mit Feuer verbrennen.
11 So sollt ihr's aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es in Eile essen; es ist des HERRN Passa.
12 Denn ich will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt schlagen in Ägyptenland unter Mensch und Vieh und will Strafgericht halten über alle Götter der Ägypter. Ich bin der HERR.
13 Dann aber soll das Blut euer Zeichen sein an den Häusern, in denen ihr seid: Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen, und die Plage soll euch nicht widerfahren, die das Verderben bringt, wenn ich Ägyptenland schlage.
14 Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den HERRN, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung.
 

Liebe Leserinnen und Leser,

Passah, der Todesengel geht vorüber, weil das Blut des Passahlamms auf den Türpfosten angibt: Wir gehören zu Gott. Das Passahlamm ist kein Opferlamm, dass man am Tempel opfert. Das Passahlamm ist nur ein Zeichen, das Bewahrung bringt vor dem Bösen.

Passah bezieht sich auf die Nacht der zehnten Plage, die Tötung der Erstgeburt. Das Blut des Passahlammes an den Türpfosten bewahrt die Israeliten vor der Plage. Gleichzeitig steht Passah pars pro toto für die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten, für den Neuanfang Gottes mit seinem Volk im gelobten Land, in Israel.

Die zehnte Plage. Es ist schon erstaunlich, wie zäh der Pharao gewesen ist, dass ihm die Plagen keine Angst eingejagt haben. Er nahm sie offensichtlich als Episoden wahr, die nach einiger Zeit abebben und dann bedeutungslos sind. Er konnte sich nicht vorstellen, dass ein Gott hinter den Israeliten steht, der Schlimmes und Schlimmstes anrichten kann. Er hat keine Angst, womöglich verblendet durch seine eigenen ägyptischen Zauberer, die vorgeben, auch alle Plagen erzeugen zu können. „Dann ist ja nichts dahinter“, mag er gedacht haben!

Wir erleben heute den Corona-Virus als eine solche Plage und sind sehr viel schneller eingeschüchtert. Wir sind uns aber auch bewusst, dass dieser Virus keine Episode ist, die nach ein paar Nächten vorüber ist. Was mag dieser Pharao wohl für ein rücksichtsloser Draufgänger gewesen sein? Die Not seines eigenen ägyptischen Volkes, die Krankheiten, auch wenn sie vorübergehen, die komplett zerstörte Ernte, beschäftigen ihn nicht. Das Leid seines Volkes ist ihm egal. Erst die Tötung der Erstgeburt zeigt Wirkung - für kurze Zeit. Gerade einmal zehn Stunden danach hetzt er das Militär den Israeliten hinterher, denn er will die billigen Sklaven nicht verlieren.

Gegenüber diesem rücksichtslosen und egoistischen Herrscher bleibt Gott der Herr. Seinen Fängen entreißt er sein Volk Israel. Gott befreit Israel und lässt damit erahnen, welche unglaubliche Macht er hat. Kein Wunder, dass dieses Fest der Befreiung die Juden über Jahrhunderte und Jahrtausende begleitet hat.

Passah als Hauptfest der Juden braucht kein Gotteshaus, geschweige denn den Tempel in Jerusalem. Passah hat Kraft gegeben, auch schwierigste Zeiten durchzustehen, selbst einen Adolf Hitler, der in sechs Jahren über die Hälfte aller Juden weltweit auf grausame Weise umgebracht hat.

Jesu Tod wird von den Evangelien in Bezug zum Passahfest gebracht. Jesus feiert wie jedes Jahr das Sedermahl mit seinen Jüngern, bevor er mit ihnen in den Garten Getzemanee geht, um allein zu sein. In dieser Nacht wird er verraten und verhaftet werden.

Jesus verändert die seit Jahrhunderten festgelegten Worte des Sedermahls an zwei Stellen und fügt Worte ein, die wir gut kennen, denn wir erinnern uns an diese Worte bei jeder Abendmahlsfeier.

Es waren Worte, die die Jünger aufhorchen ließen, die sie aber nicht verstanden haben. Sie haben in jener Nacht nicht nachgefragt, so wie sie auch bei den Leidensankündigungen nicht nachgefragt haben. Gott stiftet an dem Fest der Befreiung, Passah, ein neues, machtvolles Fest der Befreiung, Ostern. Nun ist nicht mehr das Passahlamm, sondern Jesus das Zeichen, das ausdrückt: Diese Menschen gehören zu Gott. Diese Menschen werden von Gott bewahrt. Ja noch mehr: Diese Menschen gehören in Ewigkeit zu Gott.

Nun leben wir in einer Zeit, in der die Worte „Erlösung“, „Errettung“, „ewiges Leben“ an Wert verloren haben. Wir verbinden mit diesen Worten theologische Aussagen - gefühlsmäßig berühren sie uns nicht mehr. Es ist gut, darauf zu schauen, wie treu und mächtig Gott sein Volk Israel durch die Jahrhunderte hindurchgetragen hat. Es gibt kein anderes Volk, das ohne ein eigenes Land überlebt hat. Es gibt kein anderes Volk, das so viele Anfeindungen zu meistern hatte. Und doch: Israel gibt es immer noch. Diese Aussage gilt unabhängig von der Bewertung der aktuellen Politik Israels.

Ein Gott, der sein Volk, obwohl es halsstarrig ist, wie es schon das Alte Testament ausdrückt, so kraftvoll begleitet und bewahrt, wird auch uns beschützen. Es spielt keine Rolle, wie fromm wir sind. Gott hat den Bund mit uns geschlossen in der Taufe. Dieser Bund gilt. Egal wie langwierig und zerstörerisch die Corona-Pandemie werden mag, Gottes gute Hand führt uns hindurch. Gerade in dieser Zeit bekommt ein Wort des Apostels Paulus neue Kraft:

„Leben wir, so leben wir dem Herrn;
sterben wir, so sterben wir dem Herrn.
Darum: wir leben oder sterben, so sind
wir des Herrn.“ Römerbrief 14, 8.
 
Es grüßt Sie
Ihr Pfarrer
Friedrich Woltereck