Andacht zum Hirtensonntag (Pfr. Friedrich Woltereck)

Musik: Zsolt Gardonyi, Orgel: Andrea Wehrmann
 
Lesung und Predigttext: 1. Petrus 2, 21b-25
21Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; 22er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; 23der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet; 24der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. 25Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.
 
Evangelium: Johannes 10, 11-16 
11Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. 12Der Mietling, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie –, 13denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe.
14Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, 15wie mich mein Vater kennt; und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. 16Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.
 
Klavier: Andrea Wehrmann
 
Predigt
Freiheit, Selbstbestimmung, Unabhängigkeit sind Grundpfeiler der westlichen Demokratie. Alle, die in Deutschland leben, genießen diese Freiheit - so die Annahme. Die Corona-Pandemie stellt uns die sozialen Unterschiede in Deutschland vor Augen. Mit meiner Familie in einer kleinen Wohnung in München leben und quasi nicht heraus dürfen - schrecklich. Gefangen zu Hause!
Am liebsten würde ich solche Situationen ändern, dafür kämpfen, dass Menschen ein gutes Leben haben. Aber das Leben geht anders. Wir bekommen viele Schicksale mit, bei denen man machtlos ist oder sich machtlos fühlt. Häufig können wir tatsächlich nur Menschen begleiten und ihnen so Kraft geben nicht aufzugeben, sondern ihr eigenes, bschwerliches Leben zu leben.
Der Apostel Petrus tut das. Er richtet sich an Sklaven. Nicht dem Aufstand redet er das Wort. Er erinnert sie daran, wie sich Jesus seiner Situation gestellt hat und nicht weggelaufen ist. Er listet auf, wie schwer Jesu Leben war und doch hat Jesus durchgehalten. 
Es geht nicht um positives Denken oder Durchhalteparolen - Petrus erinnert die Sklaven daran, dass sie zu Jesus gehören. Einerseits ist er ihnen ein Vorbild, wie er das Leben mit allen Belastungen durchgestanden hat. Andererseits ist er nun bei ihnen. Der letzte Satz hat es in sich: „Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen“. Petrus lenkt die Aufmerksamkeit der Sklaven auf Jesus.
Wie gehe ich mit Belastungen und Widrigkeiten in meinem Leben um? Tägliche Einschränkungen und die Unsicherheit, wie es weitergeht, nagen an einem. Über Lockerungen und Erleichterungen nachdenken oder trauern, dass die Welt nicht mehr so ist wie im Februar, ist ok. Das muss sein. Es gibt aber auch andere Aspekte.
Petrus wischt das Schwere im Leben nicht weg. Er stellt ganz bewusst zusammen, was Jesus alles getragen hat in seinem Leben, wie ihm die Freiheit genommen worden ist, wie Menschen ihn herumgeschupst haben. Gleichzeitig aber betont er, dass Jesus da ist. Bei allen Einschränkungen, bei allen wirklich schwierigen Situationen: Jesus ist der Bischof unserer Seelen. Die Freiheit in uns kann uns niemand nehmen. Unserer Phantasie, unserer Fähigkeit, aus dem, was jetzt ist, etwas Lebbares zu machen, ist keine Grenze gesetzt. Jesus als Bischof unserer Seelen, als Wacher über unser geistiges, physisches und leibliches Wohlergehen begleitet uns. Er will uns trösten, wie einen eine Mutter trösten kann. Er will uns Kraft und Ideen geben, wie wir unser Leben gestalten.
Wir dürfen uns in Gottes Kraftstrom einklinken, uns mitreißen lassen von der unendlichen Kreativität Gottes, die das Große vor Augen hat und das Allerkleinste nicht übersieht.
Es grüßt Sie
Ihr Pfarrer
Friedrich Woltereck   
 
Gebet 
Herr, durch die Corona-Pandemie finde ich mich in einer ganz anderen Welt wieder, als ich sie mir wünsche. Mit den eigenen Einschränkungen mag ich ja so einigermaßen zurechtkommen, aber was im Moment Menschen durchmachen müssen, die mir wichtig sind, lässt sich nur schwer aushalten.
Ich merke, wie das an mir nagt und mir viel Kraft und Lebensfreude raubt.
Bitte, guter Gott, nimm mich mit in deinem Strom des Lebens. Lass mich erleben und mach es mir bewusst, dass du als Bischof unserer Seelen mich und die Menschen, die mir wichtig sind, begleitest:
Du wachst über unser Wohlergehen. Du trägst mit, was uns das Herz schwer macht.
Amen.
 
Musik: Paul Horn, Orgel: Andrea Wehrmann