Andacht zum Karfreitag (Vikarin Nathalie Ott)

Gesang: Ursula Bommer, Bärbel Pischetsrieder, Andrea Wehrmann

Evangelium nach Markus Kap. 15, 20-34

Und sie führten ihn hinaus, dass sie ihn kreuzigten.
Und zwangen einen, der vorüberging, mit Namen Simon von Kyrene, der vom Feld kam, den Vater des Alexander und des Rufus, dass er ihm das Kreuz trage.
Und sie brachten ihn zu der Stätte Golgatha, das heißt übersetzt: Schädelstätte.
Und sie gaben ihm Myrrhe in Wein zu trinken; aber er nahm’s nicht.
Und sie kreuzigten ihn. Und sie teilten seine Kleider und warfen das Los, wer was bekommen solle.
Und es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten.
Und es stand über ihm geschrieben, welche Schuld man ihm gab, nämlich: Der König der Juden.
Und sie kreuzigten mit ihm zwei Räuber, einen zu seiner Rechten und einen zu seiner Linken.
Und die vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten die Köpfe und sprachen: Ha, der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen. Hilf dir nun selber und steig herab vom Kreuz!
Desgleichen verspotteten ihn auch die Hohepriester untereinander samt den Schriftgelehrten und sprachen: er hat andern geholfen und kann sich selber nicht helfen.
Ist er der Christus, der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz, damit wir sehen und glauben. Und die mit ihm gekreuzigt waren, schmähten ihn auch.
Und zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.
Und zu der neunten Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Aber Jesus schrie laut und verschied.
 
 
Liebe Leserinnen und Leser,
Heute ist Karfreitag. Der Tag, an dem wir dem Tod Jesu am Kreuz gedenken. Wir hören heute die Worte des Evangeliums, das von seinem Tod berichtet. Wir vernehmen dabei laut und deutlich die Worte Jesu, als er am Kreuz hängt. Er schreit. Zu Gott. Es sind Worte, die einen erschüttern: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Jesus schreit sie heraus in einem Moment äußerster Verzweiflung. Wo ist Gott in diesem Augenblick? Warum hilft er nicht? Wie kann er das nur zulassen? Dieses Leid und diesen unerträglichen Schmerz?

Es sind Gedanken, die man sich in diesen Tagen auch leicht stellen kann. Wir erleben diesen Karfreitag in einer außergewöhnlichen Zeit. Die Corona-Krise hat unseren Alltag vollständig eingenommen. Vieles Gewohnte ist nun anders. Die Schulen sind seit Wochen geschlossen, das Arbeiten ist bei Vielen nur eingeschränkt oder auch gar nicht mehr möglich. Menschen sind erkrankt, teilweise sogar schwer. Es geht ums Überleben. Das sind im Moment Zeiten, in denen man nur schreien kann. Hinauf zum Himmel. Zu Gott. Wie Jesus am Kreuz. Warum hast du mich verlassen? Wo bist du nur, Gott?

Ist Gott so fern?

Die Klage an Gott ist an sich nichts Neues. Schon vor Jesu Leben und Wirken wandten sich die Menschen an ihn mit all dem was sie verzweifeln ließ. Die Psalmen etwa bieten eine Fülle davon an. Oder denken wir nur an Hiob, der so viel Leid erlebt, Besitz und Kinder verliert und von Krankheiten geplagt wird. Menschen erlebten immer wieder Krisenzeiten, die sie völlig verzweifeln ließen. Die Angst vor Krankheit und vor dem Tod, sie war immer präsent.

Auch die Menschen in Korinth erlebten immer wieder Zeiten, in denen sie Gott nur in weiter Ferne spüren konnten. Ständig lagen die Gemeindemitglieder miteinander im Streit. Ständig gab es Meinungsverschiedenheiten untereinander. Und immer wieder bestimmten Bedrohungen den Alltag der Menschen. Krankheiten konnten regelmäßig ausbrechen. In diesen Situationen, kann ich mir vorstellen, fragten sich die Menschen immer wieder: Wo bist du nur, Gott?

Dieser Gemeinde schrieb Paulus in einem zweiten Brief. Er erinnert die Korinther dabei an den Tod Jesu, der sich nur einige Jahre vor diesem Brief ereignet hat. Unser Bibeltext für den heutigen Karfreitag findet sich hier wieder:

19 Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. 20 So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! 21 Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Paulus sagt den Menschen an dieser Stelle in seinem Brief etwas Unglaubliches: Das, was da geschehen ist, vor den Toren Jerusalems, das war eine Tat Gottes. Für uns. Für uns alle. Gott hat sich mit dieser Tat mit uns versöhnt. Die Sünden, die der Mensch im Laufe seines Lebens begeht, stellen keine Konsequenz für sein persönliches Heil dar. Der Mensch muss keinen Zorn Gottes fürchten, sondern wird von ihm angenommen durch seine Versöhnung. So wie er ist. Paulus sagt: Gott hat sich mit uns versöhnt. So lasst uns auch mit ihm selbst versöhnen.

Aber wenn das nur so einfach wäre… die Versöhnung. Versöhnen kann man auf unterschiedliche Art und Weise. Man kann sich mit seinen Mitmenschen versöhnen. Mit seinen Eltern, Geschwistern oder mit dem Partner, wenn es Streit gab. Auch mit Freunden kann man sich versöhnen. So kann man danach sagen: Dieser Streit ist endlich vorüber. Ich konnte mich endlich aussprechen. Das hat meine Beziehung zu meinem Mitmenschen gerettet. Oder es kann auch so passieren: Ich bin gesund geworden. Ich bin wieder vereint mit meinem Leben.

Versöhnung kann in solchen Augenblicken sehr wohl gelingen.

Aber dann gibt es auch immer wieder Momente, in denen eine Versöhnung mehr als schwer fällt. Wenn die Kränkung durch jemand anderen doch viel zu schwer war. Oder wenn die Genesung doch nicht so schnell verläuft, wie man es sich erhofft hat. In diesen Situationen erkennt man: das Übel, es ist noch da. Und es verschwindet auch nicht so schnell, wie man es sich erhofft. Oder wenn ein Angehöriger leidet oder stirbt. Dann bin ich voller Trauer. Ich bin verzweifelt. Ich weiß nicht mehr, wie es weitergehen soll. Wie kann ich mich mit Gott versöhnen? Ich kann dann doch nur schreien. Und klagen.

Und was  macht Gott in diesem Moment? Wenn der Mensch ihn anschreit? Und zu ihm klagt?

Er ist da. Und hört es sich an. Und er hält alles aus. Alles, was wir aus unseren Herzen heraussprudeln. Er lässt es über sich ergehen. Denn Gott selbst kennt das Leid des Menschen. Denn Gott war in Christus. Er ist Mensch geworden in Jesus Christus. Und er nahm im Menschen Jesus Christus alles Leid auf sich und starb den Tod. Am Kreuz. Den erniedrigendsten  Tod, den es zur damaligen Zeit gab. Gott war in diesem Augenblick nicht fern, wie es den Anschein hat. Sondern er war so nah, wie es nur gehen kann. Er hat es selbst auf sich genommen. Jede einzelne Stunde am Kreuz. Für uns. Für jeden einzelnen von uns. Für das Leben. 

Und man weiß aber auch: Das Übel in der Welt, es ist immer noch da. Durch diese Tat Gottes ist sie nicht aus der Welt verschwunden.

Ich muss dabei immer noch an Hiob denken, den Mann aus dem Alten Testament, der so viel gelitten hat. Der alles verloren hat, was er im Laufe seines Lebens aufgebaut hat. Nach so vielen Verlusten stellt sich auch bei ihm die Frage: Warum? Warum das alles? Seine Fragen werden nicht beantwortet. Und auch unsere Fragen können nicht beantwortet werden.

Wir können uns aber ganz sicher sein: Wir dürfen alles fragen, alles klagen, was wir auf dem Herzen haben. Denn wir können uns gewiss sein: Gott ist nah bei uns. Der Karfreitag ist der Tag, an dem wir gedenken sollen: Gott hat eine Tat vollbracht, die ihn in einmaliger Weise so nah an uns gebracht hat. Er ist selbst Mensch geworden und ist in den Tod gegangen. Sein Zuspruch ist da. Auch in Zeiten, in dem es einem schwer fällt. Amen.
 
Gebet
Herr Jesus Christus,
Du hast aus Liebe zu uns den Tod auf dich genommen.
Wir bitten dich:
Gib, dass wir die Botschaft von der Versöhnung in uns aufnehmen und danach leben können. Lass uns dein Kreuz erkennen als Zeichen deiner Gerechtigkeit und Liebe und als Zeichen der Hoffnung für uns alle.
Mit dem Vater und dem Heiligen Geist sei Dir Ehre in Ewigkeit.
 
Vater unser im Himmel,
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme,
Dein Wille geschehe,
Wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute
Und vergib uns unsere Schuld,
Wie auch wir vergeben unsern Schuldigern
Und führe uns nicht in Versuchung,
Sondern erlöse uns von dem Bösen
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.
 
Segen
So seid behütet an diesem Karfreitag mit dem Segen Gottes:
 
Der Herr segne Euch und behüte Euch
Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über Euch und sei Euch gnädig
Der Herr erhebe sein Angesicht auf Euch
Und gebe Euch Frieden.
Amen
 
Gesang: Ursula Bommer, Bärbel Pischetsrieder, Andrea Wehrmann