Andacht zum Sonntag Jubilate (Pfrin. Anika Sergel-Kohls)

Andrea Wehrmann, Orgel
 
Liebe Gemeinde,
An einer Glasschiebetür, dem Eingang zum Seniorenheim, stand ich und redete mit einer Dame aus dem Seniorenkreis. Normalerweise wäre diese Tür während unseres Gesprächs zig Male auf und zu geglitten. Aber diese Tür blieb dicht und wir wissen nicht, wann sie sich wieder öffnen wird in eine Zeit ohne die Sorge, dass man für Nähe und Freiheit dahinter todkrank werden könnte.
 
Diese Zeit ist so schwer. Im Alltag in allem menschlichen Miteinander, aber auch wegen der Ungewissheit. Wo soll das denn noch hinführen? Was wird aus Existenzen hier, wie sollen wir der bitteren Armut und dem Hunger weltweit wehren? Was wird aus der Wirtschaft und dem Frieden?
 
In dieses Fragen trifft unser heutiges Predigtwort aus dem Johannesevangelium im 15. Kapitel:
„Jesus spricht: Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weinbauer. Jede Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, nimmt er weg, und jede, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie noch mehr Frucht bringt. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich euch gesagt habe. Bleibt in mir, und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich heraus keine Frucht bringen kann, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr es nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, wird weggeworfen wie die Rebe und verdorrt; man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt, und es wird euch zuteilwerden. Dadurch wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und meine Jünger werdet.“
 
Die Worte über Wein und Reben, die Jesus im Predigttext spricht, gehören zu den Abschiedsreden Jesu im Johannesevangelium, mit denen Jesus seine Jüngerinnen und Jünger auf eine schwere Zeit vorbereitet, sie stärkt und tröstet. Deshalb spricht er ihnen zu: ich werde bei Euch sein, was immer auch kommt. Ich halte euch und versorge euch mit Kraft und Leben wie ein Weinstock seine Reben. „Bleibt in mir und ich in euch.“ Das ist christlicher Glaube: In der Liebe Jesu bleiben. Dort ist Gemeinde, wo die Liebe Jesu Christi in Gemeinschaft weiterlebt und sichtbar wird und aushält, auch wenn alles Berechnen und Planen nicht mehr geht.
 
Nun könnte man meinen, dieses Bild von Jesus als dem Weinstock, an dem Glaubende als Schosse hängen, die reiche Frucht tragen, weil sie an ihm bleiben - das ist eben gedacht als Trostbild für eine kleine Sondergruppe unverzagt Glaubender, zu denen sicherlich die Anderen gehören, und ich halt nicht.
Aber Johannes geht es um Größeres als um eine Elitetruppe. Er beschreibt uns das Wirken Jesu in einer Dimension, welche alle anderen Evangelien weit übertrifft: In der Einleitung („Am Anfang war das Wort…“) hält Johannes fest, dass Jesus als Wort Gottes schon vor der Schöpfung gegenwärtig war und alles durch ihn geworden ist.
 
In diesem Licht erhält der Weinstock eine weltweite Dimension: Seine Schosse bestehen nicht nur aus der Handvoll derer, die fest genug glauben. An ihm hängt der ganze Kosmos. Alles Geschaffene ist mit ihm verbunden, lebt aus ihm und empfängt Kraft von ihm. Christus, der Weinstock, an welchem alles hängt: alle Menschen. Die, denen Vertrauen gerade leicht fällt, ich und Du und die ganz Anderen.
Deshalb ist das Weinstock-Bild auch und ganz besonders eine Vision des Friedens: Im Bewusstsein, dass alle am selben Weinstock hängen, wird nicht nur der Zank zwischen den Konfessionen und Religionen undenkbar, ja dann wird alles menschliche Bekämpfen und Ausgrenzen unsinnig. Ohne mich, sagt Jesus, ohne gegenseitige Liebe und Respekt können Menschen nichts tun. Nur wenn sie in ihm bleiben und sich durch ihn miteinander verbunden wissen, tragen sie Frucht.
Bleibt in mir, und ich bleibe in euch.
 
Die Wüstenzeit des Zuhause-Bleibens, der erzwungenen Entschleunigung bietet vielleicht eine Chance, einen neuen Zugang zum Glauben zu finden: zur Erkenntnis, dass wir immer schon am Weinstock Jesus hängen. Diese Erkenntnis schenkt uns Frieden, Trost und Gelassenheit: Alles, was in der Welt gilt, Reichtum, Erfolg, Ansehen, ist vergänglich und muss einmal weggeworfen und verbrannt werden. Was am Weinstock reift, hat Zukunft. Wenn wir in Jesus bleiben, dann trägt unser Leben Frucht, die bleibt.
 
Paulus konkretisiert diese Frucht im Galaterbrief und schreibt: Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Güte, Rechtschaffenheit und Treue. (Gal 5,22).
Hoffen und beten wir, dass unsere Gesellschaft nach der Krise in diesem Sinn menschlicher wird. Wir müssen hoffentlich bald einmal nicht mehr zuhause bleiben. Doch wir können „dranbleiben“ und die Frucht des Geistes reifen lassen in unseren Beziehungen zu Christus und zu den Menschen. So kann eine Gemeinschaft wachsen, die Halt und Frieden schenkt und schön anzusehen ist, wie ein Rebstock im Licht der goldenen Herbstsonne.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren.
 
Andrea Wehrmann, Orgel
 
Gebet
In dir bleiben wollen wir bleiben, Jesus, die Kraft von dir bekommen und aus deiner Wurzel Stärke empfangen. Alleine kommen wir nicht weit, nur gemeinsam sind wir stark und können diese Welt verändern und so gestalten, wie du es möchtest: mit Nächstenliebe und Respekt, mit Mitleiden und in Achtsamkeit. Wir möchten reiche Frucht bringen, aber ohne dich können wir nichts tun. Gib du von deiner Kraft allen, die müde und erschöpft sind, die nachts vor Sorge nicht schlafen können, die einsam sind und sich nach Gesellschaft sehnen. Gib ihnen Mut und Hoffnung zurück. Denn wir alle sind wichtige Reben, jede einzelne Traube zählt vor dir und liegt dir am Herzen. Lass uns das spüren und berühre unsere Herzen. Bleib bei uns, denn ohne dich können wir nichts tun. Du bist der Weinstock, wir deine Reben. Amen.
Und gemeinsam beten wir weiter mit den Worten des Vaterunsers:
Vater unser im Himmel…
 
Segen
Gott lasse seine Hoffnung in dir blühen,
damit du deinen Weg aufrecht und entschlossen gehen kannst.
Gott lasse seine Liebe in dir blühen,
damit du andere trägst und selbst getragen wirst.
Gott lasse seine Freude in dir blühen,
damit immer wieder ein Lachen deinen Alltag verzaubert.
Gott lasse seinen Frieden in dir blühen,
damit du Ruhe findest und anderen die Hände reichen kannst.
 
So segne dich der lebendige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.
 
Andrea Wehrmann, Orgel