Andacht zum Sonntag Kantate (Pfr. Erwin Sergel)

Predigttext aus dem zweiten Buch der Chronik im 5. Kapitel
2 Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des HERRN hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion. 3 Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat ist. 4 Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf 5 und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten. (...) 12 und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. 13 Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des HERRN, 14 sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.
 
 
Liebe Gemeinde,
am 8. März haben wir den letzten Gottesdienst hier gefeiert. Seither sind neun Wochen vergangen.
9 Wochen ohne Gottesdienst, ohne Chorproben, ohne jedes Gruppentreffen hier in der Gemeinde, ohne Kino-in-der-Kirche, neun Wochen leeres Gemeindehaus. Das hat es hier noch nicht gegeben.
Eine absolute Ausnahmesituation.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen gegangen ist. Ich habe an mir intensiv die Auseinandersetzung mit dieser Krise gespürt. Am Anfang konnte ich nicht glauben, dass wegen eines Virus das ganze öffentliche Leben auf Null heruntergefahren werden wird. Schritt für Schritt sickerte bei mir ein, dass es wirklich ernst ist. Am 15. März musste noch jede Kirchengemeinde für sich entscheiden, ob sie Gottesdienst feiert oder nicht. Was für eine Überforderung damals. Stundenlanges Abwägen des Für und Wider mit gänzlich unterschiedlichen Entscheidungen landauf landab waren die Folge.
Am Abend des gleichen Sonntags kam dann per E-Mail die erste vom Landeskirchenrat veröffentlichte Verhaltensempfehlung für alle Kirchengemeinden. Für mich war das geradezu eine Erleichterung. Und umgekehrt war es das erste Mal, dass eine Anweisung der Kirchenleitung in alle Bereiche des Gemeindelebens massiv eingegriffen hat und wenig Spielraum zur eigenen Ausgestaltung bleibt. Das bin ich als freiheitsliebender Evangelischer nicht gewohnt. Aber wie gesagt – an diesem Sonntagabend empfand ich die Nachricht aus dem Landeskirchenrat als große Hilfe.
Als mir klar wurde, mit zwei Wochen Ausnahmezustand ist es nicht getan, begann die Umorganisation des Gemeindelebens. Absagen von Veranstaltungen, Überlegen, wie wir als Gemeinde dennoch in Kontakt bleiben können. Es wurde telefoniert, die erste Videokonferenz, die Webseite gewann zunehmend an Bedeutung.
Was blieb? Eine offene Kirche, viele Menschen, die diesen Raum gesucht haben, hier gebetet haben, und täglich mehrere Stunden großartige Orgelmusik. Fast immer hat jemand geübt.
Und jetzt? Mit dem heutigen Tag ist die Ausnahmesituation ja nicht vorbei. Nichts geht weiter wie gewohnt. Wir können für die nächsten Monate nicht planen.
Das ist sehr hart und wirklich nur schwer auszuhalten. Eine unsichtbare Virusgefahr für unsere Gesundheit und unser Leben zwingt uns zu großer Geduld und Zurückhaltung.
 
Das waren bisher 9 neun Wochen, die mir auch vor Augen geführt haben, wie verletzlich wir Menschen sind. Nicht nur jeder einzelne, nein wir alle, als Gesellschaft, unser Bildungssystem, unsere Seniorenheime, unser Wirtschaften, das Wachstum.
Und auch unser Glaube ist verletzlich. Die Jahreslosung gewinnt für manchen vielleicht ganz neu Bedeutung: Ich glaube. Hilf meinem Unglauben.
Ja, wo ist Gott? Warum lässt er all das zu? Sieht er nicht wie die destruktiven Kräfte sich in seiner Schöpfung austoben? Viele Menschen fühlen sich fremden Mächten ausgeliefert, halten die verordneten Einschränkungen nicht mehr aus.
Ist das die Welt, die Du, Gott, geschaffen hast? Was ist deine Antwort? Können wir irgendwie erkennen, was Du mit unserer Welt vorhast?
Ja, ich glaube schon, dass wir Gottes Ziel mit dieser Welt erkennen können. Denn Gott ist selbst ein verletzlicher Mensch geworden. Er hat sich in Jesus dem ganzen Risiko des Menschseins ausgeliefert. Und an Jesus können wir auch sehen, was Gottes Absichten sind. Er nimmt sich der verletzlichen Menschen an und heilt Kranke. Der Theologe Karl Barth hat das sehr treffend formuliert: „Das eigentliche Wunder ist, dass sich Gott in Christus der realen leiblichen Nöte der Menschen annimmt. In einer Leidenschaft des Erbarmens wendet er sich der Krankheitsnot zu. Speziell die Heilungen am Sabbat zeigen eine schöpferische Unruhe Gottes an, die in Richtung der Neuschöpfung drängt. Am siebten Tag ruht Gott nicht mehr, sondern heilt und schafft neu. Das leere Grab ist das Zeichen, dass diese gute, aber doch leiddurchtränkte Schöpfung auch in ihrer Leiblichkeit restlos in die göttliche Verwandlung hineingenommen wird.“ , formuliert der Theologe Karl Barth.
Das ist die Absicht Gottes: Heilung der leiddurchtränkten Schöpfung.
 
Und Gott hat sich nicht erst in Jesus Christus gezeigt. Wir haben vorhin in der Lesung von der Einweihung des salomonischen Tempels gehört. Das war ein großes Fest der Offenbarungen Gottes. Die Erzählung im Buch der Chroniken arbeitet eine ganze Linie von Offenbarungsereignissen heraus, die im neu errichteten Tempel von Jerusalem zusammenkommen.
Der Standort des Tempels ist die Tenne des Arauna. Dort soll David in einer Engelserscheinung erlebt haben, dass Gott sein Gebet erhört.
Zugleich ist auf diesem Gelände auch der Berg Morija. Das ist der Ort, an dem Abraham seinen Sohn Isaak gebunden hatte.  In der Bibel erhält der Ort den Namen: Gott sieht. Denn Gott hat sich einen Widder als Opfertier ersehen und so kam es nicht zum Opfer Isaaks.
Und schließlich haben wir ja in einer ausführlichen Schilderung gehört, wie die Bundeslade mit den Gesetzestafeln des Mose in das Allerheiligste des Tempels gebracht wurde. Diese Tafeln sind das Symbol des Bundes zwischen Gott und seinem Volk. Sie wurden dem Volk in einer großen Krise gegeben. Nach der Befreiung aus Ägypten war das Volk 40 Jahre lang in der Wüste unterwegs. Ich kann mir aus unserer heutigen Krisenerfahrung ausmalen, was diese Wüstenzeit den Menschen abverlangt hat an Disziplin, Entbehrungen, Geduld…
In dieser harten Zeit erfuhren die Menschen, dass sie nicht alleine waren. Gott ging ihnen voran in einer Wolkensäule und er gab ihnen die 10 Gebote zum guten Leben. Diese Erfahrung hat sich in das kollektive Gedächtnis des Volkes Israel eingebrannt: Gott hat uns nicht allein gelassen.
Jetzt beim Fest der Einweihung des Tempels geht es genau darum. Salomon und das ganze Volk Israel feiert, dass Gott sie nicht allein gelassen hat. Deshalb steht der prächtige Tempel auf dem Gelände der Tenne des Arauna und des Berges Morija. Deshalb wird die Bundeslade mit den Gesetzestafeln ins Innerste des Tempels gebracht.
Aber die Symbolik allein hat das Fest nicht zum Fest gemacht. Erinnern Sie sich, was die Herrlichkeit des Herrn dazu gebracht hat, in einer Wolke den ganzen Raum zu erfüllen?
Es war das Lob Gottes durch alle Anwesenden. Alle zusammen haben sie gesungen und mit vielen Trompeten, Zimbeln und Harfen musiziert: „Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig.“
Wir sind heute nach langer Zeit wieder in unserer Kirche zusammengekommen. Sie ist etwas kleiner als der Innenraum des Salomonischen Tempels. Der war einen Meter breiter und zehn Meter länger.
Können wir auch Einstimmen in das Lob: „Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig.“?
Einige vielleicht aus vollem Herzen. Andere vielleicht etwas zögerlicher. Andere vielleicht gerade auch gar nicht.
Wie können wir Gottes Güte und Barmherzigkeit wahrnehmen? Wann haben Sie zuletzt danach gesucht? Ich möchte Sie ermuntern, sich immer wieder dafür Zeit zu nehmen.
Ich bin überzeugt, dass wir in unserem Leben voller Risiken und unerwarteter Wendungen, dass wir jeden Tag auch etwas von Gottes Güte und Barmherzigkeit spüren können. Das kann so vieles sein. Für mich wars letzte Woche ein Blick kurz nach dem Regen in die Berge. Klare Luft, herrliche Farben, dazwischen letzte Wolkenfetzen.
Oder das erste Kennenlernen und die Wahl der neuen Pfarrerskollegen in Neuhaus. Eine Begegnung, die Vorfreude weckt auf die gemeinsame Zeit.
Oder die vielen coronabedingten Spieleabende in der Familie.
 
Was hat Sie in diesen Tagen zum Lob Gottes gebracht?
Sind Sie schon soweit, davon zu singen?
Wir versuchen es gleich mit dem Lied „Nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit“.
Die Nachtigallen frei heraus und wir vielleicht mehr von Herzen – wie es der Mundschutz eben erlaubt.
 
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
 
 
Gebet

Neue und alte Lieder wollen wir dir singen, o Gott,
denn unser Glaube lebt in diesen Liedern,
die wir dir singen, als deine Gemeinde.

Doch noch bremst uns der Mundschutz.
Aber unser Gebet können wir dir sagen,
gemeinsam vor dich treten, das vor dich bringen,
was uns bewegt, was dein Geist uns eingibt.

So bitten wir für all die Menschen, die krank sind
oder im Sterben liegen. Und für die Menschen,
die anderen dienen in Therapie und Pflege.

So bitten wir für all die Menschen, die sich sorgen
um die Seelen der Einsamen, die Verbindungen suchen
und Nähe schaffen, wo Trennung herrscht.

So bitten wir für all die Menschen, die in Sorge sind
um ihren Lebensunterhalt. Und für die Menschen,
die Verantwortung übernehmen für das wirtschaftliche Leben.

Wir sehnen uns zurück nach einem Leben mit frohen Liedern,
offenen Gesichtern und herzlichen Begegnungen,
so bitten wir dich: Komm uns entgegen, du unser Gott!

Wir erinnern auch an das Ende des Krieges vor 75 Jahren.
An die Befreiung Europas vom Terror der Nationalsozialisten.
An das unendliche Leid, das Krieg und Gewalt über die Menschen gebracht haben.
So bitten wir dich: Verleih uns Frieden und mache uns zu Boten des Friedens.

Amen.