Andacht zum Sonntag Rogate (Pfr. Friedrich Woltereck)

Psalm 95 (1 - 7a, nach Peter Spangenberg)
Kommt, macht mit, wenn wir für Gott singen
und jubeln, weil er uns in Liebe empfängt.
                Kommt, dankt mit, damit Gott uns sieht,
                wenn wir unsere Lieder singen und Psalmen beten.
Unser Gott ist größer als alles Denkbare.
In seiner Hand liegt alles, das Kleine und das Große,
                die Blumen, die Körner, die Ameise, der Zaunkönig
                und die Berge, die Meere, die Planeten und das Universum.
Kommt, macht mit, wenn ihr ihm das alles sagen
und ihm zeigen, wie froh wir sind, seine Kinder zu sein.
                Unser Gott ist eben unser Gott, und wir gehören ihm.
                Er behütet und bewacht unser Leben wie ein Hirte seine Herde.
Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist,
                wie es war im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit.
Amen
 
 
Evangelium: Matthäus 6, 5-15
5Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 6Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir‘s vergelten. 7Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. 9Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. 10Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 11Unser tägliches Brot gib uns heute. 12Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. 13Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]
 
 
Predigt
Das Vaterunser. Kennen wir. Alles klar! Wirklich?
Haben Sie gewusst, dass nur eine einzige Bitte des Vaterunsers in unseren Gebeten vorkommt? - nur eine einzige?!
„Unser tägliches Brot gib uns heute“, so sollen wir beten, sagt Jesus. Aber Israel ist ein trockenes, zum Teil steppen- oder sogar wüstenartiges Land, wieso kommt keine Bitte für Wasser vor? Man könnte für Frieden bitten, für Gesundheit und das Ende aller Pandemien. Das kommt nicht vor - zumindest nicht ausgesprochen.
Unsere Auslegungstradition hat wohl ganz recht, wenn sie davon ausgeht, dass mit „unser tägliches Brot gib uns heute“ nicht nur für Brot und Essen gebeten wird, sondern für Trinken und alles, was wir zum Gelingen des Lebens brauchen.
Sechs weitere Bitten des Vaterunsers betonen andere Aspekte des Lebens:
Am Beginn und am Ende des Vaterunsers - ob das Ende ursprünglich ist oder nicht - der Blick auf Gott, seine Ehre, sein Reich, sein Wille und seine Macht.
Nach der Bitte um das tägliche Brot der Blick auf unsere Gefühle. Im Nachsatz nach dem Vaterunser geht es noch einmal um Gefühle. Jesus betont: Unsere Gefühle bestimmen unser Leben. Unsere Gefühle machen aus, ob es uns gut geht oder nicht.
Die Demonstrationen gegen Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie sind sehr lehrreich. Es ist unsere Entscheidung, welchen Themen wir unser Augenmerk geben. Es ist unsere Entscheidung, welche Gedanken uns beherrschen. Wir setzen selbst die Prioritäten - hoffentlich lebensbejahend und lösungsorientiert.
Um Gefühle geht es in den Themenfeldern Vergeben und Versuchung. In beiden Fällen sind wir besetzt von Gefühlen. Einmal Kränkung, Ärger, Zorn oder vielleicht kompensiertes schlechtes Gewissen nach dem Motto: „Die andere Person ist noch schlimmer als ich - dann bin ich gar nicht so übel!“ Das andere Mal Lieblingsbilder und Lieblingsvorstellungen, die alle anderen Themen beiseite schieben. In beiden Fällen mogeln wir uns an der Realität vorbei.
Vergeben und Versuchungen widerstehen ist schwierig, denn wir wollen so derartig gern fliehen vor der Realität. Für mich war z.B. mit der bedrückendste Anteil der Corona-Pandemie, dass man nicht mal schnell nach Südtirol fahren kann oder Verwandte besuchen. Hauptsache: weg vom Alltag.
Wir entfliehen dem Alltag. Wieso? Warum ist das tägliche Leben so fürchterlich, dass man wegrennen muss? Wo sind die ungelösten Fragen, welche alten Geschichten machen uns das Leben schwer?
Alte Geschichten haben zu tun mit Dingen, die wir uns oder anderen nicht vergeben können. Deswegen bleiben sie präsent. Deswegen lassen wir sie nicht los als Teil der Vergangenheit. Dasselbe gilt für Situationen, in denen wir schuldig geworden sind oder anderen etwas schuldig geblieben sind. Gott bietet uns an, uns von diesen „Leichen im Keller“ zu befreien, entweder, indem wir ihn um Vergebung bitten oder im hartnäckigen Fall zur Beichte gehen.
Dazu kommt unser Anteil: Menschen loslassen, über die wir uns geärgert haben - wahrscheinlich sogar zu Recht. Es geht nicht darum, zu behaupten, es sei alles gut. So etwas gibt es im Leben nicht. Es geht darum, das Vergangene in Gottes Hand zurückzulegen. Er ist das Gedächtnis für das, was wirklich wichtig ist. Bei ihm geht nichts verloren.
Im Vaterunser geht es Jesus um unsere Befreiung. Er will uns Frieden schenken in unserer Gefühlswelt. Er will uns zu Menschen machen, die im Blick auf Gott diese Welt und dieses Leben sehen und frei sind für die Schritte in die Zukunft. Amen.
 
Pfarrer
Friedrich Woltereck